Ufo in Sicht – oder Dienstag

Dienstag

Es begann alles an einem Dienstag, oder nein, es war ein Montag, ach nein, jetzt erinnere ich mich, es war doch ein Dienstag. Ich erinnere mich so genau, weil wie üblich nichts los war. Nicht mal der Pizzadienst hatte an dem Tag ein Sonderangebot. Dienstags bestellten die Leute auch ohne Angebote, da brauchte niemand einen besonderen Anreiz. Bis Freitag war es noch viel zu lange hin und mein Frust saß tief. Wie jeden Dienstag.

Täglich gab es etwas Neues. Bloß der Dienstag blieb immer gleich langweilig. Bis zu diesem speziellen Dienstag. Dieser begann schon ungewöhnlich, ich war kurz vor dem Wecker wach und sprang sofort aus dem Bett. Sonst nutzte ich immer die Snooze-Funktion bis zum letzten Moment. So war ich nun an diesem Dienstag eigentlich viel zu früh auf. Das brachte mir eine extra Tasse Kaffee und ein richtiges Frühstück ein, auch nicht schlecht.

Kaffee am Dienstag

Leider hat Kaffee nun mal eine harntreibende Wirkung und ich schaffte es nicht bis zur Arbeit. Somit sah es dann schon wieder nach einem handelsüblichen Schrottdienstag aus. Ich musste Ausschau halten nach einer geeigneten Stelle, wo ich mal kurz in die Büsche verschwinden konnte. Da stand ich und schüttelte und klopfte, um die alte Theorie, dass der letzte Tropfen immer in die Hose geht, endlich mal zu widerlegen. Bei mir ging manchmal schon der erste Tropfen in die Hose. Typisch Konfirmandenblase. Ich war noch fröhlich am Schütteln, als mich ein seltsames Licht blendete.

Erschrocken steckte ich ihn wieder rein und bekam natürlich mehr als einen Tropfen in die Büx. Aber man steht ja auch nicht allzu oft beim Pinkeln einem Ufo gegenüber. Mir ist schon klar, wie sich das anhört, und nein, ich hatte meinen Kaffee nicht mit Cognac verdünnt. Ich hätte so etwas ja selbst keinem geglaubt. Zwar war ich immer überzeugt, wir wären nicht allein in den unendlichen Weiten, aber nun den direkten Beweis geliefert zu bekommen, schockte mich ganz schön.

Ufosichtung

Verdammt, da war doch tatsächlich ein Ufo auf diesem abgelegenen Rastplatz gelandet. Und von der Straße aus konnte man mich nicht sehen, also war mit Hilfe nicht zu rechnen. Panik stieg in mir auf, eine angenehme, wohlige Panik.

Das Ding sah richtig schnittig aus, musste der Ferrari unter den Ufos sein. Wie die Behörden dieses Sahneteil wohl wieder als Wetterballon erklären wollten? Verspiegelte Scheiben, alles blitzeblank und voller Chrom, oder was diese Außerirdischen halt an ähnlichem Material hatten. Was sollte ich bloß machen, wenn da tatsächlich jemand rauskäme? Rennen konnte ich vor Schreck nicht, ich war wie gelähmt. Oder hatte man mich etwa mit irgendeinem Strahl gebannt? Gut, dass ich grad meine Blase entleert hatte, von der Seite bestand also keine Gefahr für eine beschämende Erfahrung. Also stand ich da wie angenagelt und wartete, was nun passieren würde.

Probefahrt

An der rechten Seite öffnete sich eine Tür, sie schwang vollkommen lautlos nach oben und eine Rampe wurde ausgefahren. Alles völlig lautlos. Die mussten aber gute Mechaniker haben. Die könnten mit Sicherheit bei der Formel 1 noch einen lukrativen Nebenjob bekommen. Ich ging ein paar Schritte auf das Ufo zu. Immer noch keiner zu sehen. Vielleicht könnte ich eine Probefahrt unternehmen. Ich ging weiter und stand vor der Rampe, sah alles ganz einladend aus. Keiner zu sehen, also stieg ich vorsichtig die Rampe hinauf. Sogar in dem Moment wunderte ich mich, woher ich den Mut nahm.

Drinnen sah das Teil noch besser aus. Erstklassige Lederschalensitze, tolle Breitbildmonitore, und wie ich nun bemerkte, ein Soundsystem, welches einem den Verstand nahm, oder in meinem Fall, was davon noch übrig war. Aus den unsichtbaren Lautsprechern ertönte Green Day, mit Boulevard of Broken Dreams, unbedingt eine meiner liebsten Bands. Ich dachte ich bin im Himmel. Dort wo keine Monitore an den Wänden waren, glänzte ein Bezug aus eierschalfarbigem Leder. Oder es sah jedenfalls so aus wie Leder.

Woher ich als Kerl die Farbe „Eierschale“ kenne? Wie viele meiner Leidensgenossen bin ich kürzlich in ein Einrichtungshaus geschleppt worden und sollte mich zwischen Beige, Eierschale, Latte macchiato und Cappuccino als Farben für ein Sofa entscheiden. Ich hätte bei allen Heiligen wahrlich keinen, wie geringen Unterschied auch immer, zwischen den vier angebotenen Farben erkennen können.

Es war immer noch niemand zu sehen, also rief ich „Jemand hier? Hallo?“ Nichts tat sich. Ich setzte mich auf den Schalensitz, den ich für den Fahrersitz hielt und besah mir den Joystick daneben. Na, ein Versuch konnte sicher nicht schaden, ich würde den Vogel eh nicht in die Luft bekommen. Der Joystick fühlte sich genauso an, wie der, den ich am Computer zum Spielen nutzte. Kaum hatte ich ihn berührt, hob das Ufo schon ab, wie mit Gedankenkraft gesteuert. Ich machte einen kleinen Rundflug, beim ersten Mal will man es nicht übertreiben. Vielleicht war der Besitzer auch nur mal kurz in die Büsche gegangen. Also flog ich zurück zum Parkplatz, ich musste ohnehin jetzt endlich zur Arbeit.

Der erste Kontakt

Und tatsächlich, da stand jemand und trommelte mit den Fingern auf das Dach von meiner alten Karre. Oha, wie sollte ich dem guten Mann erklären, dass ich nur mal einen Probeflug gemacht hatte. Er sah ziemlich so aus wie wir. Das konnte aber an der Kleidung liegen, darunter wollte ich lieber nicht nachsehen. Er trug Jeans und T-Shirt, dazu teure Markenturnschuhe. Sicher hatte er sich für seinen Besuch auf der Erde nur entsprechend verkleidet.

Er trabte auf mich zu, ein professionelles Lächeln im Gesicht, ich selbst war wieder wie angenagelt stehen geblieben. „Na wie gefällt ihnen das Model? Wir haben es ebenfalls noch mit elektrischen Fensterhebern und Klimaanlage im Angebot“ sagte er, während er mir freudestrahlend seine Hand hinhielt. „Aber ich muss mich wohl erst mal vorstellen. Mein Name ist Hjalu Ljalu, von der Firma Fogehyopre. Wir sind einer der größten Hersteller von Fluggeräten jenseits von Jupiter. Kürzlich hat unsere Geschäftsleitung beschlossen, das Vertriebsgebiet auszuweiten.“

Bewegen konnte ich mich immer noch nicht. „Sie meinen, sie wollen mir das Ufo verkaufen?“, stammelte ich. Er lächelte weiter sein Zahnpastalächeln „Klar, ich habe die Erde exklusiv als Vertriebsgebiet zugewiesen bekommen, und als ich ihr Fahrzeug gesehen habe, dachte ich, sie wären besonders interessiert an etwas Neuem“. Er strahlte mich immer noch mit diesem typischen Verkäufergrinsen an. Was die Jacketkronen wohl gekostet hatten, fragte ich mich.

„Interessiert sicher, aber was kostet der Spaß denn überhaupt. Ach und ist es denn in Deutschland vom TÜV freigegeben?“, meine sieben Sinne kehrten ganz langsam zurück. Vielleicht wäre da etwas mit Ratenzahlung zu machen. Je nachdem wie der Preis ausfiel. Er stutzte kurz, notierte sich die Fragen in einem kleinen Minicomputer und fragte „TÜV? Was ist das? Deutschland? Was ist das?“ Hier musste ich wohl etwas internationaler denken. „Okay, dann sagen sie mir doch einfach den Preis.“ Danach wäre ich dann auch „Alone on the Boulevard of Broken Dreams.“

Sonderangebot

„Der Preis ist ein Sonderangebot, einfach weil sie mein erster Kunde sind und ich das Produkt gern bekannter machen würde. Sozusagen ein Werbekampfpreis. Also es wären für sie, aber auch nur für sie, einfach weil sie mir sehr sympathisch sind, 894 Raten á 220 Dollar – das scheint auf diesem Planeten wohl eine allgemein bekannte Währung zu sein.“ Ich überlegte kurz, wie viele Jahre 894 Monate wären, rechnete meine Lebenserwartung dagegen und nickte traurig. „Sicher ein tolles Angebot, aber leider leben wir Menschen im Durchschnitt nur so um die 78 Jahre. Da ich schon 38 davon verbraucht habe, würde ich die Abzahlung nicht mehr schaffen. Also danke nein.“

Scheinbar hatte er das eingesehen „Aber bitte empfehlen sie mich trotzdem weiter. Ich werde mein Büro wohl in Timbuktu eröffnen, dort sind die Mieten ganz außergewöhnlich niedrig und viel Platz zum Landen, auch für ungeübte Fluganfänger. Dort können sie mich dann montags bis freitags zu den üblichen Geschäftszeiten erreichen.“

„Tja, vielen Dank, dass ich das Fluggerät mal ausprobieren durfte“ bedankte ich mich artig, um dann endlich zur Arbeit zu fahren, wo mich mit Sicherheit ein Einlauf wegen meiner Verspätung erwartete. Er stieg in sein Ufo und flog lautlos, wie er gekommen war, wieder davon. Dies wäre alles nicht weiter schlimm gewesen, einfach ein nettes kleines Abenteuer, was den Ärger auf der Arbeit durchaus wettmachte. Aber, wie so oft im Leben, besonders in meinem, lief nicht alles nach Plan.

Das Ende der Ruhe

Nach drei Tagen hatte ich fast vergessen, was vorgefallen war, hatte es ins Reich meiner lebhaften Träume geschoben. Erzählt hatte ich niemandem davon, in einer Zwangsjacke hätte ich mich einfach nicht so richtig wohlgefühlt. Doch dann hörte ich ein Rascheln an meiner Haustür, als ich öffnete, stürzte eine wahre Flutwelle an Werbezetteln auf mich nieder. Auf der Straße vor dem Haus parkten sage und schreibe sieben Ufos. Die Nachbarn sahen angstvoll durch Gardinenspalten aus den Fenstern, auf die Straße trauten sie sich gar nicht erst. Verdammt, da hatte der Kerl doch meine Adresse an seine Kollegen verraten, bestimmt als Rache, weil ich nicht gekauft hatte.

Als ich mich durch die Flugblätter aus dem Haus gewühlt hatte, sprangen gleich drei der typischen Ufoverkäufer auf mich zu und schwallten mich voll. Ich sollte doch einen Probeflug machen. Ich sollte an einer Butterfahrt teilnehmen. Ich hätte gewonnen, mindestens einen Fernseher, wenn ich mir eine Verkaufsveranstaltung für Ufos ansehen würde. Auch das Aussehen der Herren war sehr viel geschniegelter als bei meinem ersten Kontakt. Jetzt trugen sie dunkle Anzüge und hellblaue Hemden mit Krawatte. Sogar der fette Angeberchronometer fehlte nicht an ihren Handgelenken. Einer hatte etwas übertrieben und an jedem Arm eine solche Uhr. Die hatten aber schnell gelernt! Sicher würde auch gleich mein Telefon klingeln, um mich mit Werbung zu besäuseln.

Seitdem ist unsere ruhige Siedlung nicht mehr das, was sie einmal war. Überall lungern diese Ufoverkäufer rum. Meine Mitmenschen trauen sich wohl immer noch nicht aus den Häusern, so stürzen sich alle einzig auf mich. Wenn das so weitergeht, werde ich wohl doch noch stolzer Ufobesitzer, aber nur wenn da drin wieder Green Day läuft, darauf bestehe ich! Dienstags bleibe ich jedenfalls jetzt möglichst zu Hause!

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*


83 + = 92

* Die Checkbox für die Zustimmung zur Speicherung ist nach DSGVO zwingend.

Ich akzeptiere