Ein nicht ganz normaler Tag

Ein nicht ganz normaler Tag

Kein ganz normaler Tag, aber Oskar war auch kein ganz normaler Angestellter. Er hatte eher, darin waren sich alle Kollegen einig, so einen kleinen Sprung in der Schüssel, nicht alle Latten am Zaun. Keiner nahm ihn für voll, er wurde mit Begeisterung veräppelt. Wer kriegte die saure Milch in den Kaffee gekippt? Oskar! Wer hatte den Bürostuhl, der von allein runterrutschte? Na klar, genau der!

Aber er wehrte sich. Damit machte er sich allerdings erst recht komplett lächerlich. Er hatte immer im falschen Moment, den falschen Spruch drauf. Wenn er einen Witz erzählte, war allen klar, dass er ihn gnadenlos versauen würde. Richtig gut war Oskar darin, im falschen Moment zu lachen. Zum Beispiel wenn sein Chef sich an heißem Kaffee verbrannte, oder der Quotenbehinderte der Firma mit dem Rollstuhl nicht durch die unpraktische Drehtür am Eingang kam. Er stand eben immer mit mindestens einem Fuß im Fettnäpfchen.

Dabei hielt Oskar sich selbst für ganz okay. Er war überall Mittelmaß, in der Schule, bei den Prüfungen für den Job. Sogar bei den Frauen, er bekam keine schönen Frauen, aber dafür eine, die gut kochen konnte. Er hatte sogar diese eine Frau davon überzeugen können, ihn zu heiraten. Sie war zwar nur so lange geblieben, bis sie ihre Diät – bei der sie extrem launisch war – hinter sich hatte, aber er hatte immerhin eine abbekommen.

Ganz zufrieden

Oskar war zufrieden mit sich und seiner Welt. Er hatte das Gefühl, die Kollegen würden ihn mögen. Immerhin wurde er nicht ausgegrenzt, wie er es früher in der Schulzeit häufig erlebt hatte. Zwar lachten sie häufig über ihn, aber er fand sich selbst auch ziemlich witzig. Nur der Chef konnte ihn nicht leiden, aber wen mochte der schon?

An diesem nicht ganz normalen Tag war Oskar wieder solo. Außerdem hatte er verschlafen, seine Ex hatte den Wecker mitgenommen. Kaffee war auch keiner im Haus, von etwas Essbarem gar nicht zu reden. Oskars Geduld wurde auf eine harte Probe gestellt heute. Erst wollte der Wagen nicht anspringen. Als er es schließlich doch tat, stand Oskar wenig später im Stau.

Er hatte mal etwas von Atemübungen zur Entspannung gehört. Die versuchte er nun. Leider hatte er nur mit einem Ohr zugehört und hechelte nun eher wie eine Frau bei der Niederkunft von Zwillingen. Ihm wurde schon ganz schwindelig. Dann noch der Kaffee-Entzug und gegessen hatte er auch nichts. Als er endlich auf die Idee kam auf der Arbeit anzurufen, war er schon so spät dran, dass seinem Chef sein Fehlen aufgefallen war. Dessen Tag war ebenfalls nicht so gut angelaufen und das bekam Oskar nun zu spüren. „Meinetwegen können sie sich den Weg sparen. Sie sind gefeuert. Kaspern sie doch zu Hause weiter rum, hier wird gearbeitet!“

Ganz verdutzt schaute Oskar das Telefon an, er hatte doch immerhin Bescheid gesagt. Sicher meinte sein Chef das nicht ernst, vielleicht ein Joke, den seine Kollegen ausgeheckt hatten. Er hatte noch eine Flasche Selters im Wagen, sein Schwindelgefühl wurde deutlich weniger, als er etwas getrunken hatte. Oskar fing an zu überlegen – immer ein Fehler. Wie konnte er seinen Kollegen das zurückzahlen? Es musste schon eine richtig gute Nummer werden. Ihm fiel sein Kumpel Josef ein, der konnte ihm sicher helfen.

Josef – ein treuer Freund

Als es endlich weiter ging, fuhr er direkt zu Josef. Der war eh arbeitslos, hatte also Zeit und schien sich über Oskars Besuch zu freuen. Oskar erzählte ihm, was er vorhatte und bekam, was er sich ausleihen wollte. Josef hatte keine Bedenken, Oskar auch wertvolle Sachen zu leihen. Der Oskar hatte Josef schließlich schon viele Gefallen getan. Deswegen war Josef so tief in Oskars Schuld, dass er ihm auch seinen letzte Unterhose ausgeliehen hätte, wenn es denn nötig gewesen wäre.

Mit nun bereits mehr als zwei Stunden Verspätung kam Oskar bei seiner Arbeitsstelle an. Sein Plan sah vor, sich unauffällig reinzuschleichen und seine Kollegen dann im Pausenraum in Angst und Schrecken zu versetzen. Er behielt seinen Parka an. Die Kollegen sollten nicht vorher schon die abgesägte Schrotflinte vom Josef sehen. Leise ging er den Gang zum Pausenraum herunter. Er war immerhin genau pünktlich zur Frühstückspause angekommen.

Neben dem Eingang blieb er stehen, er wollte die Flinte rausholen und in den Raum stürmen. Das musste doch wohl die angemessene Rache sein, für die Verarsche von heute Morgen. Bereits hier draußen konnte er hören, wie die Kollegen johlten und feierten. „Endlich sind wir die Pappnase los.“ Die nächste Stimme jubelte: „Treffer, versenkt! Da hat der Hirnie den Chef aber auch genau im richtigen Moment erwischt!“ Seinen Tischnachbarn aus dem gleichen Büro hörte er sagen „Gut für uns! Den hätte ich aber nicht einen Tag länger ertragen. Dann hätte ich Oskar eigenhändig umgebracht!“ In diesem Tenor gingen die Gespräche weiter.

Oskar hatte seinen Tischnachbarn bei einigen Gelegenheiten sogar als guten Freund bezeichnet. Er stand wie gelähmt neben der Tür, als der Chef auf den Pausenraum zukam. Der wollte sich gerade in der überschäumenden Begeisterung seiner Angestellten sonnen. So wie heute liebten sie ihn schließlich selten. Er bekam kein Wort mehr heraus. Oskar zielte und schoss ihm sauber – so sauber ein Schuss mit einer abgesägten Schrotflinte eben war – in den Kopf.

Oskar stand direkt neben sich selbst und fragte sich, wieso das Ding überhaupt geladen war. Und wieso hatte er die Taschen voll Munition? Das sollte doch nur ein Witz sein. Aber der andere Oskar, der mit der Waffe, lud nach. Und schoss. Diesmal in den Pausenraum. Und lud nach und schoss. Immer wieder. Dabei stammelte er „ich dachte, ihr mögt mich.” Schließlich fühlte er nur noch eine Patrone in seiner Tasche. „Wohl besser sich jetzt aus der Affäre zu ziehen“, sagte der Oskar, der neben ihm stand, und hielt sich die Waffe an die eigene Schläfe.

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