Alle Vögel sind schon da oder der Mehrfamilienbaum

Die schwarze Bande war vollzählig angetreten zum Kampf. Sie waren eigentlich immer bereit, sich zu streiten.

Aber die graue Taubenfamilie wollte in Frieden gelassen werden. Dumm nur, dass sie sich ausgerechnet den gleichen Baum für ihre Familienplanung ausgesucht hatte wie die streitlustigen Krähen. Hier gab es immer nur Streit. Ja, ihre Nachbarn griffen sie sogar regelrecht an.

Täglich gab es Krieg zwischen den Tauben und den Krähen, wobei die Streitverursacher natürlich immer die Krähen waren. Die kleinen Vögel verhielten sich ganz still, sie hatten sich in die umliegenden Büsche verdrückt. Die frechen Spatzen hüpften ein wenig aufgeregt herum, aber sie mischten sich nicht ein. Im Gegenteil, solange die beiden größeren Vogelarten sich stritten, blieben sie verschont.

Die Katze hatte sich einen schönen Platz zum Sonnen gesucht, dachte sie jedenfalls. Nun musste sie feststellen, dass sie mitten im Kriegsgebiet lag. „Könnt ihr nicht mal Ruhe geben da oben?“ Sie brauchte ihnen nicht zu drohen, die Vögel wussten, dass sie zu alt und zu faul war, um sie zu fangen.

Die Meisen setzten sich möglichst weit von den Streitereien entfernt und tuschelten „Also ehrlich gesagt, dieses nervige Gegurre von Frau Taube zu jeder der 27 Mahlzeiten am Tag, macht mich aber auch ganz konfus. Soll Herr Krähe ihr doch ruhig mal ordentlich Bescheid geben.“ Aber die Meise ganz am Rande der Gesellschaft meinte „Nein wirklich, die Tauben tun uns doch wenigstens nichts. Die Krähen greifen doch jeden an, ich hab richtig Angst vor denen.“ Ihre Nachbarin meinte „Und immer das Geschrei, so laut, das tut doch in den Ohren weh. Ach und können die nicht mal wie normale Vögel ihr Futter suchen? Nein, er fliegt los, natürlich ohne Einkaufszettel und dann schreit er über den Hof, was er holen soll und sie grölt zurück. Die sind doch richtig asozial die Schwarzen.“

Während sich alle so auf die Streitereien in dem großen Mehrfamilienbaum konzentrieren, schwebte lautlos der große, alte Uhu heran. Er wollte doch mal sehen, wo dieser Lärm herkam. Wenn er wegen des Krachs, den die anderen Vögel veranstalteten, schon nicht schlafen konnte, wollte er sie doch lieber gleich zu seinem Frühstück machen.

Glücklich waren heute nur die Libellen, sie flogen wie glitzernde, riesige, edelsteinbesetzte Broschen zwischen dem Lärm und dem Unmut hindurch. Sie konnten nichts hören, weil Libellen nun einmal keine Ohren hatten. Und was noch besser war, weder der Uhu noch die Katze sahen sie als Futter an.

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